Presse/Medien - Süddeutsche Zeitung
Bloß keine Abstellkammer
Frauke Pflock wollte bei IBM Karriere machen, doch daraus wurde nichts. Nun vermietet sie Wohnungen auf Zeit
Von Meite Thiede
Frauke Pflock entdeckte Anfang der neunziger Jahre eine Marktlücke. Sie bot möblierte Wohnungen an und baute nach und nach ein Unternehmen auf. Die Krise fürchtet sie nicht. Foto: mth
Ihr erster Kunde war Wigald Boning. Als der Komiker im Herbst 1993 eine vorübergehende Bleibe in Köln suchte, konnte Frauke Pflock das Passende
bieten. Die frisch gebackene Unternehmerin hatte sich gerade erst in einer Nische des Wohnungsmarktes eingenistet:
Sie vermittelte Wohnungen auf Zeit, schick möbliert und ohne den muffigen Beigeschmack der Untermiete. Sie wusste aus eigener Erfahrung, was
Geschäftsleute zu erleiden hatten, wenn sie für Schulungen oder Projekte mehrere Monate in einer fremden Stadt arbeiten mussten: „Lausig möblierte Zimmer,
mehr Abstellkammern als gemütliches Heim zum Auftanken“ hatte sie in ihrer Zeit als IBM-Managerin erlebt. Mit ihrer Firma Zeitwohnen wollte die
Marketing-Spezialistin nun „Oasen mit Wohlfühlfakotr“ anbieten. Inzwischen beschäftigt ihre Firma in Köln-Rodenkirchen zehn Mitarbeiter und hat mehr als
2 000 Objekte in der Kartei.
Angestrebt hatte die im fränkischen Erlangen geborene Pflock das Unternehmertum aber nie. Im Gegenteil: Der Vater war „Siemensianer“, und für die Familie waren
sowohl Jobsicherheit als auch soziale Annehmlichkeiten des Alltags fest mit dem Namen Siemens verbunden. Da lag für die Älteste der drei Kinder eine Karriere in
einem Großkonzern nahe. Sie studierte BWL in Hamburg, und nach dem Diplom gelang ihr ein vielversprechender Start: Vier Jahre war sie bei einer kleinen Unternehmensberatung Projektleiterin für Btx und stellvertretende Geschäftsführerin. 1985 kam der erste Karrieresprung: Pflock wechselte ins Rheinland zu einem IT-Mittelständler mit 400 Mitarbeitern und war damit Marketingleiterin mit eigenem Team. Doch Ende der achtziger Jahre ging die Firma pleite.
In der Sackgasse
Wohnen auf Zeit
Die Ursprünge des Mietmarktes für möblierte Wohnungen reichen in die achtziger Jahre zurück, als Studenten in vielen Universitätsstädten „Mitwohnzentralen“ nach dem Muster der einst boomenden Mitfahrzentralen gründeten. Die Idee fand Aufmerksamkeit in der professio- nellen Immobilienbranche, und Anfang der neunziger Jahre waren die regionalen Märkte verteilt. Für die großen Immobilienmakler ist das eher kleinteilige Geschäft meist nicht so interessant; die Anbieter sind daher in der Regel kleine, inhabergeführte Agenturen mit wenigen Mitarbeitern. Potentielle Kunden für das Wohnen auf Zeit gibt es reichlich: Das Team vom Tatort-Dreh, Berufsumsteiger, die die Probezeit abwarten wollen, Projektmanager oder Ingenieure mit wechselnden Einsatzorten. Angeboten wird die ganze Bandbreite: Vom modern eingerichteten Apartment bis hin zur Einliegerwohnung, in der, wie ein Branchenkenner sagt, „Schwiegermutters Eichenmöbel abgestellt werden, weil sie doch noch ganz passabel sind“. In Deutschland erwirtschaften mittlerweile etwa 100 Agenturen, die sich auf möbliertes Wohnen auf Zeit spezialisiert haben, einen Jahresumsatz von 30 Millionen Euro, schätzt Martin Bernemann, Geschäftsführer der City-Residence in Frankfurt. Sie vermitteln etwa 80 000 Objekte. mth.
Während Pflock an ihrer Karriere arbeitete, schlidderte der IBM-Konzern in die Krise. In Deutschland wurden Tausende Stellen gestrichen. Und als Pflock die Stuttgarter Rotation beendet hatte, war die ihr zugedachte Stelle in Köln wegrationalisiert. Sie wurde nur Vertriebsbeauftragte statt Vertriebsleiterin. Pflock war zwar erleichtert, dass sie einen Job hatte, aber nicht zufrieden. „Meine Lebensplanung wurde langsam unrealistisch. Trotz aller Erfolge sah ich keine Chance, meine beruflichen Ziele zu erreichen.“
Bei IBM hatte 1993 Lou Gerstner als Sanierer die Führung übernommen. Unter ihm wurde der Konzern komplett umgebaut. „In der Kantine drehten sich die Gespräche nicht mehr um die Kunden, sondern nur noch um Altersabsicherung. Aber für Rentengespräche fühlte ich mich mit 36 noch zu jung.“
Pflock sah sich in der Sackgasse. Bei IBM gab es keine Zukunftsperspektive, für die damals boomende New Economy war sie schon zu alt. 1993 wagte sie den Absprung und handelte mit etwas Glück eine Abfindung aus – das Startkapital für die Selbständigkeit. Denn Pflock war zwar inzwischen verheiratet, aber sie hatte nicht vor, die Zeit am heimischen Herd zu verbringen.
Ihre zweite Karriere begann mit einem Experiment. Pflocks Ehemann besaß zwei kleine Apartments in Köln, und als dort die Mieter wechselten, richtete sie
die Wohnungen so her, wie sie es in ihrer Stuttgarter Zeit gerne vorgefunden hätte, und bot sie möbliert an. Kaum fertig, waren sie schon vermietet. Als Freunde
ein kleines Apartmenthaus bauten, konnte sie auch sie davon überzeugen, dass die Vermietung möbliert viel attraktiver sei. Auch diese Wohnungen waren im Nu
vermietet.
Pflock schien eine Marktlücke entdeckt zu haben. Sie entwickelte einen Geschäftsplan, gründete eine Firma, schaltete Anzeigen, nahm Kontakt zu den
Personalabteilungen von Unternehmen auf, ging ins Internet. Die kleine Firma florierte, hatte Stammkunden und mehrere hundert Wohnungen im Bestand – bis
zum Jahr 2001. Nach den Terroranschlägen im September brach die Nachfrage weg, und die Unternehmerin musste feststellen, dass die Konkurrenz an ihr vorbeigezogen
war. Ausgerechnet im Marketing hatte Pflock gepatzt: Die Wettbewerber warben im Internet mit Fotos für ihre Wohnungen, sie nicht. Pflock investierte in eine
aufwendige 360-Grad-Präsentation und machte ihren Internet-Auftritt dreisprachig. „Richtig lernt man erst aus Fehlern“, sagt sie heute: „Man darf sich
keine Sekunde ausruhen.“
Für die nächste Krise fühlt sie sich nun bestens gewappnet – und ist sicher, dass die auch unmittelbar bevorsteht. Ihre Kunden sind häufig Unternehmensberater oder Projektleiter, und viele arbeiten für die Autoindustrie. „Ich erwarte, dass Projekte zurückgefahren und weniger Geschäftsreisen gemacht werden,
und dann werden auch weniger Wohnungen gebraucht.“
Ihre Mannschaft hat sie schon auf harte Zeiten vorbereitet und bespricht Modelle für flexible Arbeitszeiten.
Jobsicherung ist ihr ein Anliegen, und bisher hat sie auch noch niemanden entlassen müssen. Das soll so bleiben. Dem dient zum Beispiel das gerade gestartete
Netzwerk: Zeitwohnen hat sich mit sieben Anbietern aus anderen Städten zusammengeschlossen und bietet nun bundesweit 17 000 Objekte in der Datenbank von Zeitwohnwerk.de an.
Und Pflock hat auch schon eine Idee, wie sie der Flaute begegnet: Die Fristen werden angepasst. Heute vermietet sie die Wohnungen für einen bis zwölf Monate,
künftig wird das auch unter vier Wochen gehen. Damit tritt Zeitwohnen in Wettbewerb zu den Hotels. Die Unternehmerin schmunzelt, und man sieht ihr an, dass sie sich
auf die neue Herausforderung schon richtig freut.